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Info

Die nebenstehenden Fälle wurden von den regionalen Beobachtungsstellen und der SBAA dokumentiert.
Die Fälle auf französisch stammen vom Observatoire Romand, diejenigen auf deutsch von der Beobachtungsstelle Ostschweiz und der schweizerischen Beobachtungsstelle in Bern und diejenigen auf italienisch vom Osservatorio Ticino.

Anzeige des letzten Rechtsschritts

hängig


abgewiesen


gutgeheissen


abgeschrieben


Tipps zum Lesen der Fälle:

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Alle Fälle nach Aktualität sortiert

Fall 199 05.03.2013 Über 10 Jahre auf der Flucht, geprägt von Gewalt und Misshandlungen

«Irina» und ihr Sohn fliehen aus Tschetschenien und stellen in verschiedenen europäischen Ländern immer wieder ein Asylgesuch. Ihre über 10-jährige Flucht ist geprägt von Gewalt, Misshandlungen und der Tatsache zur falschen Zeit, am falschen Ort zu sein.

Schlüsselworte


Nichteintreten bei Sicherheit vor Verfolgung im Ausland (Art. 34 AsylG) Prüfung des Antrags (Art. 3 VO (EG)) 

Person/en

«Irina», «Andrej»

LandAufenthaltsstatus

Tschetschenien 

Nichteintretensentscheid

Zusammenfassung des Falls:

«Irina» flieht zusammen mit ihrem Sohn «Andrej» aus den Kriegswirren in Tschetschenien, um in der Schweiz einen Asylantrag zu stellen. Der Antrag wird abgelehnt und «Irina» kauft in Panik Zugtickets nach Schweden. Doch Schweden schickt sie in die Schweiz zurück. In der Schweiz angekommen fliehen die beiden weiter nach Frankreich und reisen dann nach Ungarn, da es dort ein Flüchtlingslager für Tschetschenen gibt. Sie bleiben dort, bis das Lager geschlossen wird. «Andrej» wird nach Russland deportiert und bei seiner Ankunft in Moskau verhaftet. Zwei Jahre später wird er frei gelassen. «Irina» kehrt unterdessen in ihre Heimat zurück, um Identitätspapiere zu besorgen. Dort wird sie verhaftet und muss auf einem Militärstützpunkt als Köchin arbeiten. Ihre Kleider näht sie aus Armeedecken und Misshandlungen sind an der Tagesordnung. «Irina» ist 53 Jahre alt. Ende 2011 wird sie nach dem Besuch einer Kommission freigelassen. Sie flieht, dank der finanziellen Hilfe ihres Ehemannes, erneut in die Schweiz. Auf den gestellten Asylantrag wird nicht eingetreten, da ein Eurodac-Treffer in Schweden vorliegt. In Schweden bekommt sie ein Zimmer im Flüchtlingslager. Das Verfahren ist derzeit noch hängig.

Aufzuwerfende Fragen:


  • Hätte die Schweiz nicht vom Selbsteintrittsrecht Gebrauch machen müssen, anstatt «Irina» ein weiteres Mal nach Schweden auszuweisen?

  • Wie kommen die Behörden dazu «Irina» aus der Klinik abzuholen, obwohl die Therapie, gemäss den Ärzten noch nicht abgeschlossen ist?

  • Warum wird «Irina» ins Gefängnis gebracht, anstatt dass sie, wie kommuniziert, die Zeit bis zur Ausreise in der Überwachungsabteilung im Spital verbringen kann?

  • Was muss dieser Frau noch widerfahren, damit sie endlich einen Ort findet, an dem sie bleiben und Ruhe finden kann?


Chronologie:

2002: Ehemann schliesst sich den Rebellen an, Sohn gekidnappt, Flucht in die Schweiz
2003: Negativer Asylentscheid, Flucht nach Schweden
2004: Zurück in die Schweiz, Reise nach Frankreich
2005-2007: Flüchtlingslager in Ungarn
2007: Deportierung des Sohnes
2010-2011: Arbeit und Misshandlung auf Militärstützpunkt


2012: Erneute Flucht in die Schweiz, Klinikaufenthalt, Überstellung nach Schweden


Rechtshistorie:

Datum Rechtsschritt Instanz Bemerkungen Entscheid
Mär 2012AsylgesuchBFMAsylgesuch in Schweden am 17.12.2013 gutgeheissenJun 2012
Nov 2004BeschwerdeBVGerNov 2004
Okt 2004WiedererwägungsgesuchBFMNov 2004
Okt 2004BeschwerdeBVGerOkt 2004
Sep 2004AsylgesuchBFMSep 2004
Mai 2002AsylgesuchBFMMai 2003

Beschreibung des Falls:

«Irina» stammt aus Tschetschenien. Sie und ihr Mann haben durch den Krieg ihr kleines Unternehmen verloren. Nachdem sich ihr Mann 2002 den Rebellen anschliesst, wird ihr Haus von russischen Streitkräften gestürmt und der damals 18-jährige Sohn «Andrej» gekidnappt. Durch die Verbindung ihres Mannes zu den Rebellen kann «Irina» die Lösegeldsumme von rund 10'000 Dollar auftreiben. Sobald «Andrej» wieder daheim ist, beschliessen die beiden zu flüchten. Tschetschenien ist für sie nicht mehr sicher. Sie reisen in die Schweiz und stellen einen Asylantrag. Im Mai 2003 bekommen sie einen negativen Bescheid. Bei der Befragung scheint aber einiges schief gelaufen zu sein. «Irina» hatte Angst zu sagen, dass ihr Mann für die Rebellen kämpft. «Andrej» war nicht imstande den Wechselkurs Dollar-Rubel während des Krieges der neunziger Jahre anzugeben. Dabei wurde ausser Acht gelassen, dass er damals gerade einmal zehn Jahre alt war. Anstatt das Urteil anzufechten, «Irina» hat keine Ahnung von ihren Rechten, bekommt sie Panik und kauft mit dem Geld, das sie als Hotelangestellte verdient hat, Bahntickets nach Schweden. Nachdem die beiden in Schweden ein paar ruhige Monate verbracht haben, werden sie im November 2004 in die Schweiz zurück geschickt. Eine Freundin bringt sie aus der Schweiz über die Grenze nach Lyon, da die beiden verzweifelt ein Land suchen, das sie aufnimmt. Doch auch in Frankreich ist die Situation schwierig und sie reisen 2005 nach Ungarn, wo Tschetschenen in Flüchtlingslagern aufgenommen werden. Mutter und Sohn bleiben dort, bis die Lager 2007 geschlossen werden. Ohne Vorwarnung verschwindet «Andrej» eines Tages. Er wird nach Russland deportiert. Da «Irina» zu jener Zeit in der Stadt ist, bleibt sie verschont.


Bei seiner Ankunft in Russland wird «Andrej» verhaftet. Weil er sich weigert, sich für Einsätze gegen Tschetschenen rekrutieren zu lassen, wird er regelmässig geschlagen. Nach zwei Jahren wird er ohne Erklärung einfach entlassen. In der Zwischenzeit ist «Irina» in ihre Heimat zurückgereist, um Identitätspapiere zu beantragen. 2010 erfährt sie, dass man in Tschetschenien für wenig Geld ein Stück Land erwerben kann. Doch dort wird auch sie verhaftet und geschlagen. Als Grund wird angegeben, dass ihr Mann immer noch für die Rebellen kämpft. Doch «Irina» hat ihn seit Jahren nicht mehr gesehen und für tot gehalten. Dies gibt sie auch an den Verhören so an. Ohne dass jemand Bescheid weiss, wird «Irina» auf den russischen Militärstützpunkt bei Grosny gebracht, da dort eine Köchin gebraucht wird. Sie arbeitet dort wie eine Sklavin. Ist nicht angestellt, sondern lebt in Gefangenschaft. Zum Anziehen hat sie nur die Kleider, die sie sich aus Armeedecken selber zusammennäht. Eines Abends wird sie von einer Gruppe Soldaten belästigt. Sie beschimpfen sie, weil ihr Mann als Rebell Russen tötet, sie schlagen ihr die Zähne aus, zerbrechen ihre Brille und schütten ihr Wein über den Kopf. Als sie fast bewusstlos am Boden liegt, geben sie ihr Fusstritte in den Rücken, bevor sie von einem vergewaltigt wird. «Irina» ist 53 Jahre alt. In ihrem Land gilt Vergewaltigung nicht nur als grosses Unglück, es bringt auch Schande über das Opfer und die ganze Familie. Ende 2011 besucht eine Kommission den Stützpunkt und es gelingt «Irina» einer Delegierten einen Zettel mit ein paar Sätzen zu geben. Im neuen Jahr wird sie freigelassen. Ohne Erklärung, ohne Entschuldigung. Sie nimmt Kontakt mit ihrem Ehemann auf und erzählt ihm, was sie alles durchleben musste, weil er auf der Seite der Rebellen kämpft. Er bringt das Geld für eine erneute Flucht auf und im März kommt sie nach Basel, wo sie einen neuen Asylantrag stellt.


Sie ist traumatisiert und hat Angst, dass man sie nach Russland zurückschickt. Ihr Rücken wird zwar untersucht, doch sie erhält keine psychische Unterstützung. Weil «Irina» einen Eurodac-Treffer aus Schweden hat, wird erneut auf ihren Asylantrag nicht eingegangen und beschlossen, sie nach Schweden zu bringen. Dass sie dort auch ausgewiesen wurde, spielt keine Rolle. Aufgrund ihres psychischen Zustandes bringt eine Freundin sie in eine Klinik, wo sie behandelt wird. Doch bevor die Behandlung abgeschlossen ist, wird «Irina» abgeholt. Obwohl man den Verantwortlichen der Klinik versichert, bis zur Abreise könne sie im Spital bleiben, kommt «Irina» vier Tage ins Gefängnis, wo man ihr ein Dokument, welches sie nicht versteht, zum Unterschreiben gibt. Es handelt sich dabei um eine dreijährige Einreisesperre. Danach wird sie nach Schweden gebracht, wo sie nach ein paar Tagen ein Flüchtlingslager erreicht. Dort wird ihr eine Wohnung zugewiesen, doch die Frau, die schon dort wohnt, stellt sie auf die Strasse. Erschöpft und am Ende erhält sie ein Zimmer im Lager. Psychische und physische Hilfe gibt es nicht. Die erste Befragung findet mit Übersetzung per Telefon statt. Diese ist oft falsch und unzuverlässig. «Irina» wird mitgeteilt, dass ein längeres Gespräch stattfindet, falls das Ausschaffungsgesuch von Ungarn nicht angenommen wird. Doch sie will nicht mehr zurück. Die Alternative, also das Gefängnis, ist ihr lieber. «Irina» ist eine ehrliche Frau, die sich nie etwas zu Schulden hat kommen lassen. Während ihrer Zeit in der Schweiz hat sie in einem Hotel gearbeitet, wo die Arbeitgeber noch heute voll Lob und Respekt von ihr sprechen. Ihr einziger Fehler ist, dass sie mit dem falschen Mann verheiratet war und zu oft zur falschen Zeit am falschen Ort war. Sie sucht doch nur einen Platz, wo sie sich wieder sicher fühlen kann und wo sie anfangen kann sich zu erholen. Denn im Moment möchte sie am liebsten sterben. Nur der Gedanke an ihren Sohn, der dann ganz alleine auf der Welt wäre, hält sie noch davon ab.  

Gemeldet von:

Freundin der Betroffenen

Quellen:

Freundin der Betroffenen, Aktendossier

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